Ingeborg dreht sich im Grab
Seit einigen Jahren, im Sommer, wenn auf dem Friedhof in Annabichl der Wacholder seinen bitteren und Pflanzenreste ihren modrigen Atem verströmen, wenn sich die Metallgießkannen mit Hitze aufladen, reichen die Stimmen bis zu ihr. Schon vorher wurde der Name dermaßen in der Presse erwähnt, dass die durch den Ruf nach ihr unsanft Geweckte seufzte.
Eigentlich will sie nichts anderes als die ewige Ruhe, doch sobald die Lesungen beginnen, hält es sie kaum unter der Erde. Und hätte sie noch eine Faust, würde sie mit dieser den Kies auf der Grabfläche durchstoßen, dass die Steinchen nur so flögen bis zum Lendhafen.
Ein Gesteck wie frisch nach der Beerdigung. Der verwitterte Stein mit ihrem Namen und den zwei Daten legt nahe, dass nicht nur die Jury sie vergessen hat.
Ingeborg, verzeihst du uns? Haben wir den Preis, der zu deinen Ehren ins Leben gerufen wurde, noch verdient? Erfüllen wir die Branding-Kriterien gemäß deinem Styleguide? Wer hat es verdient, das zu verdienen, was man zum Leben braucht: das Preisgeld, die Reputation, den Bachmannschen Ritterschlag, den du selbst nie ausführen konntest? Oder vielmehr: Was hättest du denn gern? Das alles sollten wir dich fragen. Wenn du eine Antwort hast, schicke uns bitte ein Zeichen.
Wenn Ingeborg nicht so müde wäre …
Ein Mischwesen aus Erde und Asphalt. Deine Augen öffnen sich nur bis zum Halbmond. Es ist, als wolltest du deine Worte bei dir halten, weißt jedoch, dass sie zu teilen deine Pflicht ist. Du suchtest die Sonne, Ingeborg, unter flimmernden Lidern, zwischen den Störgeräuschen, den Satzenden. Du hacktest deine Sehnsucht nach Licht in Stakkatos heraus, entzogst dich der übergeordneten Welt, den Status-Quo-Injektionen und somit jeder Kritik, beschwertest dich über die Anmaßung der nach Anerkennung lechzenden Mohnblumen. Deine Worte kamen der Liebe nicht hinterher. Und deine Sitznachbarn ignoriertest du, gelangweilt am Wein nippend.
Ingeborg, wo bist du? Wie lächelt die Sphinx? Wer macht nun das Geschäft mit unseren Träumen? Jeder Schritt scheint weiter nach Gomorrha zu führen. Und weg von dir. Ich höre dein Atmen durch das Knistern der Flammen, die sich über den Jerseystoff des Ärmels in deine Epidermis fressen; den Atem eines betäubten Schlafes.
Wäre diese Frau eine Gestalt in deinen Erzählungen, wie hättest du sie wohl aussehen lassen? Welche Sprache spräche sie? Wie viel Mitleid hättest du ihr gegenüber empfunden? Hättest du die Löcher in ihrer Haut wahrgenommen?
Jetzt sind da nur noch Löcher in Papier, Risse im Ego, in Karrieren, die hätten sein können. Der Bruch mit deinem Vermächtnis, Ingeborg. Jedes Jahr wird er erneut sichtbar, denn schon lange hat ihr Urteil nichts mehr mit dir zu tun.
Undine ist gegangen. Drei Wege führen zum See. Einen muss sie genommen haben. Oder ist es vielleicht gar nicht der Sinn, dem Vermächtnis der Namensgeberin eines Preises zu folgen? Vor allem, wenn sie derart müde ist. Es bereits war (vor ihrem ewigen Schlaf).
Aber schaut man genau hin, sieht man das feine Zittern der Kiesel, erahnt die Kraft, den Zorn, wenn sie die Schreibendenherzen bis nach Annabichl schluchzen hört. Die zerfledderten Worte einer Kritik, die selbst an Orientierung verloren hat, was »gewollt anspruchsvoll« oder »psychologisiert« ist.
Wir sind nicht ausgewählt, um zu imitieren, weil wir imitieren. Wir tragen die Restenergie von sprachlicher Vollkommenheit in uns und greifen tief nach innen auf sie zurück, um sie mit unseren eigenen Versuchen zu vermischen. Ingeborg, würdest du selbst kommen?
Die Kiesel vibrieren wie die Bassmembran auf der After-Show-Party, die es geben sollte, hätte Ingeborg das Sagen. Oder ist das wieder meine Idee? Vielleicht klatscht sie auch so laut in die Hände vor Freud’ ob der Ehrlichkeit, die über den Texten ausgegossen wird wie ein Pecheimer.
Nadine Stelzer, im Mai 2026